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| Kronprinz Rudolf: Eine Biografie. Ich bin andere Wege gegangen...
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Eine etwas andere Sicht auf das Leben des Kronprinzen
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 50 REZENSENT) (HALL OF FAME REZENSENT) Rezension bezieht sich auf: Kronprinz Rudolf: Eine Biografie. Ich bin andere Wege gegangen... (Gebundene Ausgabe) Mit Kronprinzen haben die Menschen seit jeher große Hoffnungen verbunden, auch wenn diese nicht immer erfüllt wurden. In gewisser Weise kann man das auch über die Kronprinzen Rudolf und Franz Ferdinand sagen, beide wurden auf ihre jeweils ihre Art Opfer beim langsam voranschreitenden Zerfall der Monarchie. Im Gegensatz zu Franz Ferdinand dessen Ermordung in Sarajewo als unmittelbarer Auftakt des Ersten Weltkriegs und dem Todesstoss für Österreich-Ungarn gesehen werden kann, war Rudolfs Selbstmord eine persönlich gezogene Konsequenz aus jenen Entwicklungen, welche den Grundstein für den Untergang der Donaumonarchie gelegt haben.
Der Mythos Mayerling hat seit jeher für wilde Spekulationen gesorgt, auch wenn die Beweise klar dafür sprechen, dass Rudolf zuerst Mary Vetsera und dann sich selbst erschossen hat. Doch der Weg nach Mayerling, Rudolfs Lebensweg und der abschließende Grund für seinen Selbstmord sind weit faszinierender als alle Verschwörungstheorien. Ohne Zweifel, der Kronprinz war einer der begabtesten Habsburger, wenngleich sein Mythos von angeblicher Drogensucht und Krankheit überschattet wird. Katrin Unterreiner hat mit ihrer Rudolf-Biografie den Versuch unternommen, einige der gängigen Rudolf-Mythen ins rechte Licht zu rücken, wie dass der Kronprinz nicht mehr Drogen konsumiert hat, als andere Angehörige des Kaiserhauses und in seiner Kindheit ein sehr gut entwickeltes, aufgewecktes, statt schwächlich, schüchternes Kind war.
Unterreiner erzählt die Geschichte des Kronprinzen bedeutend anders, als Brigitte Hamann, der mit ihrem Werk über den Kronprinzen der Durchbruch als freie Historikerin gelungen ist. So interpretiert sie etwa die Anhänglichkeit Rudolfs an seine Schwester und die Frauen der Kinderkammer, sowie die in einem Brief Kaiser Franz Josephs gerügte Angst bei einer Militärparade, nicht als kindliche Schüchternheit, sondern Episoden. Im Gegenteil, Rudolf war von der Farbenpracht und den technischen Fakten der Armee beeindruckt und war wohl eher ein Fragen stellender kleiner Quälgeist, worauf auch die zitierten Briefe in Hamanns Biografie hindeuten. Rudolfs Kindheit war jedoch sehr stark von Einsamkeit geprägt, denn während der Vater vor allem in seinen Amtsgeschäften nach Pflichterfüllung strebte, zog sich Sissi immer mehr in ein Privatleben fern des Wiener Hofs und damit auch der Familie zurück. Sigrid-Maria Größing beschrieb Sisi als Prototyp einer modernen Frau, der ihre Freiheit und Selbstverwirklichung mehr bedeutete als strenge Pflichten und somit auch in ihrem Egoismus die eigenen Kinder vernachlässigte. Erzherzogin Sophie schwärmte jedoch immer wieder von Sisis positiven Einfluss auf die Kinder, nach dem ihre Erstgeborene, die junge Sophie, jedoch infolge einer Reise an hohem Fieber verstorben war, gab es wohl auch Grund genug, an Sisis erzieherischen Fähigkeiten zu zweifeln. Die alte Erzherzogin und Mutter Franz Josephs musste notgedrungen in die Erziehung eingreifen. Sisi zu bekämpfen wäre ihr jedoch, so Unterreiner, nie in den Sinn gekommen, ebenso wie die Absicht, die Kinder ihrem positiven Einfluss zu entziehen.
Der kleine Rudolf behielt jedoch eine gewisse Distanz zur meist fernen Mutter und entwickelte ein gespaltenes Verhältnis zu ihr. Doch auch die geliebte Großmutter war vor Erziehungsfehlern nicht gefeit. So war es für Rudolf ein gewaltiger Schock, als er der Tradition entsprechend von seiner heiß verehrten Schwester Gisela getrennt wurde. Die kurze Zeit mit seinem Erzieher Generalmajor Leopold Graf Gondrecourt, war von dessen sadistischen Versuchen, den jungen Thronerben "abzuhärten" und militärisch zu erziehen geprägt. Rudolf war, mit dem Tag seiner Geburt, zum Offizier ernannt worden und somit galt seine Karriere im Kaisertum als vorherbestimmt, der Versuch ihn durch seine Erziehung zum perfekten Soldaten zu machen führte jedoch nur dazu, dass der Junge verschreckt, verängstigt und zum Bettnässer wurde. Erst einer der seltenen Besuche Sisis führte der Kaiserin vor Augen, in welchen Missständen ihr Sohn zu leben hatte. In einer der wenigen Entscheidungen ihre Familie betreffend, erzwang Sisi, dass Franz Joseph ihr das Bestimmungsrecht über die Erziehung des Kronprinzen bis zu dessen Volljährigkeit einräumte. Joseph Graf Latour von Thurmburg, wurde damit zum neuen Erzieher bestimmt, auch wenn die offizielle Bestätigung dieser Funktion einige Jahre auf sich warten ließ. Rudolf, der seinen Vater zwar immer sehr liebte und sich über jede Zusammenkunft freute, konnte in Latour einen Ersatzvater finden, während sich Franz Joseph zunehmend seiner Funktion und Tätigkeit als oberster Beamter des Staats zu definieren begann.
Unter Latours Aufsicht erhielt der künftige Kaiser eine höchst fortschrittliche liberale Erziehung und als einer der ersten Monarchen Europas auch eine vollständige wirtschaftliche Ausbildung. Ein Studium blieb ihm zwar verwehrt, doch der begabte Ornithologe erhielt ein Ehrendoktorat und konnte durch seine Verbindungen zu liberalen Denkern und Journalisten wie Moriz Szeps selbst anonyme Schriften veröffentlichen. Da ihm aufgrund seiner Sympathien für die Liberalen am Wiener Hof die Mitwirkung in politischen Belangen verwehrt blieb, musste sich der Kronprinz eben anderenorts nach einer Möglichkeit für politische Betätigung umsehen. Mit seiner Volljährigkeit wurde jedoch Graf Charles "Charlie" Bombelles zum neuen Obersthofmeister des Kronprinzen ernannt. Bombelles war als Lebemann bekannt und führte den Kronprinzen an eine andere Seite des Lebens heran. Der junge Thronfolger wurde zu einem Liebling der Damenwelt und auch als es Zeit wurde, sich eine Braut zu suchen, um die Dynastie fortzuführen, scheint Rudolf seine sexuelle Unabhängigkeit nie aufgegeben zu haben. Stephanie von Belgien entsprach so gar nicht dem Schönheitsideal der damaligen Zeit und wurde auch von der schönheitsbewussten Kaiserin verachtet. Hätte Sisi demnach nicht das wiederholt, was schon ihre Schwiegermutter, ihr angeblich angetan hat? Sie zu bekämpfen und mit Verachtung zu strafen. Hamann und Größing vertreten beide die Ansicht, Sophie hätte Sisi einst bekämpft, Unterreiner nicht und führt dabei die positiven Kommentare der Erzherzogin in Briefen an verschiedene Familienmitglieder an, während sich bei Größing gegensätzliche Kommentare der Kaiserin finden lassen, die allgemein auf eine Abneigung gegen den vom Protokoll beherrschten Hof schließen lassen und Sophie als Verkörperung dessen.
Doch das nach dem Ausgleich mit Ungarn geborene "ungarische Kind", Sisis "Einzige", Marie Valerie wurde das Lieblingskind des Kaiserpaares. Was die Kaiserin bei Gisela und Rudolf versäumt hatte, versuchte sie bei Marie Valerie wieder aufzuholen und auch Franz Joseph konnte ihr kaum etwas abschlagen. Anstatt des gewünschten Sohnes, der den Namen Stefan und nach Sisis Wunsch wohl auch die ungarische Königskrone erhalten hätte, wurde Marie Valerie dennoch das Lieblingskind. Rudolf hingegen sah sich außer Stande die Anerkennung seines Vaters zu gewinnen und fühlte sich aus dem politischen Prozess ausgegrenzt, isoliert, allein und zunehmend enttäuscht. In seiner unglücklichen Ehe wurde der Kronprinz immer mehr zum Zyniker, was von seiner Familie zwar erkannt wurde, aber dennoch zu keinen Gesprächen unter vier Augen führte. Als sich Rudolf in Mayerling mit Mary Vesetra das Leben nahm, wurde dieser zuerst verheimlicht, was den Mythos bis heute nährt. Verschiedene Todesursachen wurden in Umlauf gebracht und Marys Tod sogar verschwiegen, um Rudolf ein katholisches Begräbnis zu ermöglichen, das im Falle des Selbstmordes kaum möglich gewesen wäre. Zuletzt attestierte man beim Kronprinzen "Geistesverwirrung", was der Beerdigung in der Kapuzinergruft schließlich und endlich doch gegen alle Bedenken den Weg ebnete.
"Die Frage, ob Rudolf zu Recht als die große Hoffnung für die Zukunft der österreichisch-ungarischen Monarchie angesehen wurde und wird, ist aus Sicht einer Historikerin zwar obsolet, eines darf dabei jedoch nicht vergessen werden: Auch wenn Rudolfs politische Visionen heute als zukunftsweisend angesehen werden können, so darf man diese nicht isoliert betrachten. Abgesehen davon, dass es fraglich ist, ob selbst Rudolf die verkrusteten Strukturen so schnell hätte verändern können, bleibt die Tatsache, dass die politische Entwicklung der Zeit in eine völlig andere Richtung ging. Selbst ein Kaiser Rudolf hätte den aufflammenden Nationalismus nicht ignorieren und negieren können, der schließlich zum Ende der Monarchie führte. So kann Rudolfs Selbstmord nicht nur als persönliches Scheitern des Kronprinzen angesehen werden, sondern als Vorbote des Zerfalls des Habsburgerreiches. Rudolf hatte die Probleme des Staates erkannt und war daran zerbrochen, den Untergang sehend, nichts verändern zu können." (Auszug aus dem Epilog, S. 243)
Den Vergleich mit der umfassenderen Rudolf-Biografie Brigitte Hamanns braucht Karin Unterreiner nicht zu scheuen. Im Gegensatz zu Hamann beschränkt sie sich auf die Erzählung der Geschichte und lässt die Analyse politischer Strömungen außen vor, werden diese doch auch von Hamann trotz des Anspruchs nur ungenügend beleuchtet. Im Gegenteil, die Geschichte ist flüssiger und weniger episodenhaft. Trotz der Kürze liegt die Besonderheit von Katrin Unterreiners Biografie darin sich von der Masse andere Publikationen abzuheben und fundiert so manche einfach hingestellte Aussagen zu relativieren.
Fazit:
Eine zutiefst beeindruckende Biografie des Kronprinzen, die durch aktuelle Forschungsergebnisse und neue Ansichten besticht.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 3. September 2008 | | |
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