Die Kraft der schöpferischen Zerstörung: Joseph A. Schumpeter. Die Biografie


 
Brillanz versus Weisheit
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Die Kraft der schöpferischen Zerstörung: Joseph A. Schumpeter. Die Biografie (Gebundene Ausgabe) Die Hervorhebung der Rolle des Unternehmers als treibender Kraft und als Innovateur des Wirtschaftsprozesses ist Hauptidentifikationsmerkmal des Ökonomen Schumpeter. Am Diktum vom Unternehmerischen als "Kraft der schöpferischen Zerstörung" erkennt man ihn. Damit hört es mit der Klarheit und Eindeutigkeit dessen, was Schumpeter gesagt hat oder hat sagen wollen, aber eigentlich auch schon bald auf.

Sein gleichaltriger Zeitgenosse J.M. Keynes, beide waren Jahrgang 1883, wird zwar im Detail vielfach mißverstanden oder fehlinterpretiert, aber anders als bei Schumpeter glauben sowohl seine Anhänger wie seine Gegner meist jeweils genau zu wissen, was genau Keynes gesagt und gewollt hat. So sieht Keynes in Phasen einer abnormalen Abschwächung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, woraus größere Arbeitslosigkeit zu resultieren drohen könnte, eine Berechtigung zu temporär bewußt eingegangenen staatlichen Haushaltsdefiziten, um durch diese Art der Nachfragestimulation zu einer Wiederbelebung der Gesamtwirtschaft beizutragen.

Keynes setzte sich mit seiner Auffassung in bewußten Gegensatz zu den Gleichgewichtstheoremen der klassischen Volkswirtschaftslehre, gewann in der Wirtschaftpolitik angesichts der großen Wirtschaftskrise vor rund 80 Jahren bedeutenden Einfluß und stellte deswegen seinen Kollegen Schumpeter auch in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion zunächst mal gründlich in den Schatten.

Annette Schäfer zitiert in ihrer exzellenten Schumpeter Biographie zum Vergleich von Keynes und Schumpeter aus einem Artikel von Peter Drucker in der amerikanischen Business Zeitschrift Forbes aus dem Jahre 1983: "In gewisser Weise wiederholten Keynes und Schumpeter die bekannteste Konfrontation zwischen Philosophen in der westlichen Tradition - den platonischen Dialog zwischen Parmenides, dem brillanten, cleveren, unwiderstehlichen Sophisten, und dem bedächtigen und häßlichen, aber weisen Sokrates. In den Zwischenkriegsjahren gab es niemanden, der brillanter, der cleverer war als Keynes. Schumpeter dagegen wirkte langweilig und umständlich - aber er war weise. Cleverness trägt den Sieg davon. Aber Weisheit hat Bestand".

Frau Schäfers Biographie siebt aus dem umfangreichen Gesamtwerk die Perlen schumpeterscher Weisheit allerdings nicht der Sau, also dem hastigen Leser, heraus, der deshalb zur eigenen Erbauung, also zum angemessenen Verständnis auf das langsame und sorgfältige Studium des Meisters angewiesen bleibt. Aber sie zeichnet mit psychologisch professionellem Einfühlungsvermögen bei gleichzeitiger Wahrung respektvoller Distanz vor dem Intimbereich einer großen Persönlichkeit bestimmte Prägungen der Herkunft und des Werdegangs von Schumpeter nach, welche den Zugang zur Komplexität und gelegentlichen Doppelbödigkeit bis hin zur Widersprüchlichkeit seiner Ausführungen erleichtert.

Schumpeter stammt aus einer angesehenen, deutschstämmigen Textilfabrikantenfamilie aus der kleinen Stadt Triesch/T'e¨t' ganz in der Nähe des bekannteren Iglau/Jihlava in Westmähren, das bis zum Ende des 1. Weltkrieges zum k.u.k. Reich gehörte. Als der Vater bei einem Jagdunfall ums Leben kommt, zieht die noch junge Witwe, deren Leben sich von nun an auf den Aufstieg und Erfolg ihres hochbegabten Sohnes von damals erst vier Jahren konzentriert, nach Graz, um ihrem Joseph den Besuch einer besseren Schule zu ermöglichen als das in der mährischen Provinz möglich gewesen wäre und kurz später in die Hauptstadt Wien, wo sie den über 30 Jahre älteren, pensionierten Feldmarschallleutnant Sigmund von Kéler heiratet. Adel und Rang des Stiefvaters öffnen Mutter und Sohn den Zugang zu den allerersten Kreisen des imperialen Wiens der beiden Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg.

Im exklusiven Theresianum, zu dem ihm der Stiefvater Zugang verschafft, erhält Schumpeter eine breite klassische Bildung. Er glänzt als Musterschüler, aber ist sich bewußt, daß er zu dieser jeunesse dorée von Prinzen und Grafen nicht wirklich dazugehört. Er kompensiert das durch übertrieben dandyhaftes Auftreten, das er sein Leben lang beibehält.

Soll er sich darum bemühen, am Ende doch noch Teil und Mitglied dieser von der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung bedrohten und teilweise bereits überholten Führungsschicht zu werden? Oder soll er sich dafür entscheiden, diese ihn faszinierende Entwicklung als unabhängiger, außenstehender Intellektueller und Weltbürger unparteiisch zu analysieren?

Im wissenschaftlichen Bereich sind die Aufstiegschancen für diesen extrem ehrgeizigen, extrem begabten jungen Mann offensichtlich günstiger als in den traditionellen Karrieren des Militärs oder der Diplomatie, wo damals ein entsprechender familiärer Hintergrund für überdurchschnittlich rasches Avancement noch unerläßlich war.

Also promoviert Schumpeter mit 23 Jahren an der Universiät Wien zum Doktor der Rechte mit von Anfang an stark volkswirtschaftlicher Ausrichtung. Und er sieht sich in der Welt um. Reisen führen ihn nach Paris, Berlin, London. In erster Ehe heiratet er die Engländerin Gladys Ricarde Seaver, verdient ein Vermögen als Anwalt am Internationalen Gerichtshof im ägyptischen Kairo und schreibt nebenher eine Arbeit über Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen Nationalökonomie, die als Habilitation von der Universität Wien akzeptiert wird. Mit 26 wird er jüngster Professor im habsburgischen Reich an der allerdings fernen, heute in der Ukraine gelegenen Provinzuniversität von Czernowitz/Tscherniwzi. Da macht er von sich reden als passionierter Herrenreiter und, zusammen mit seiner lebenslustigen, mondänen englischen Frau, als Gastgeber rauschender, extravaganter Feste.

Nach zwei Jahren erhält er einen Ruf an die der Wiener Hauptstadt nähere Universität Graz und läßt sich von dort teilweise für eine Austauschprofessur an die New Yorker Columbia Universitär beurlauben. Mit Dreißig hat er bereits einen internationalen Ruf als Ökonom.

Bei Kriegsausbruch bleibt seine Frau in England zurück und trennt sich von ihm. Schumpeter wird als unabkömmlich nicht zum Kriegsdienst einberufen, sondern betätigt sich während der Kriegszeit neben seiner Lehrtätigkeit jetzt auch als Ideengeber und Berater über die Erstellung vertraulicher Memoranden zur politischen und wirtschaftlichen Situation Österreichs. Die direkte Einflußnahme, die Macht reizen ihn nun doch.

1919 wird er zum Mitglied der Deutschen Sozialisierungskommission in Berlin ernannt und erteilt in dieser Eigenschaft erstaunlich weitgehende Nationalisierungsempfehlungen. Im gleichen Jahr wird er der zweite österreichische Finanzminister der jungen Republik, aber wegen anstößiger Auftritte in der Öffentlichkeit in Begleitung von Prostituierten nach nur sieben Monate wieder zum Rücktritt gedrängt.

Als Kompensation für diesen Rausschmiß verschaffen ihm seine politischen Freunde immerhin zu Anfang 1921 die Position als Präsident der alteingesessenen Wiener M.L. Biedermann Bank, welche für die Umwandlung von einer Personengesellschaft in eine AG eine Konzession brauchte, deren Erteilung mit dieser Personalentscheidung verknüpft wurde. In seiner Eigenschaft als Bankpräsident hatte Schumpeter zwar kaum Einfluß auf das operative Geschäft der Bank, aber Zugang zu einer persönlichen hohen Kreditlinie, mit deren Hilfe er sich in riskante Anlagegeschäfte stürzte. Mit dem Aktiencrash von 1924 scheiterten diese Geschäfte, und Schumpeter wurde zusätzlich durch eine Bürgschaft für einen betrügerischen Geschäftspartner in Anspruch genommen. Die Biedermann Bank konnte durch Einstieg einer englischen Bank gerettet werden, aber Schumpeters Ruf nicht nur als Politiker, sondern auch als Geschäftsmann war ruiniert. Seine Schulden hat Schumpeter im Laufe der nächsten 15 Jahre allerdings in einem unglaublichen Kraftakt vollständig wieder getilgt.

Diese doppelte Erfahrung des Scheiterns bedeutete im Leben Schumpeters einen schweren Einschnitt. Nicht Eitelkeit oder übermäßigen Ehrgeiz machte er sich selbst an erster Stelle zum Vorwurf, sondern den Mangel an letzter Identität und Überzeugung. Seine Biografin zitiert aus einem Brief an seinen Schüler Paul Sweezy, den er für dessen Einstehen für seine persönlichen Überzeugungen - Sweezy war Marxist - gelobt hatte:

"Ich dagegen habe kein Gewand, das ich nicht abwerfen könnte. Relativismus liegt mir im Blut. Das ist einer der Gründe, warum ich nicht siegen kann - nicht à la longue."

Aus dieser überstreng wirkenden Selbsteinschätzung zieht Schumpeter extreme Konsequenzen. Er sieht sich nicht mehr als Akteur, sondern nur noch als Beobachter. Als Wirtschaftswissenschaftler - denn nun kehrt er konsequent und ausschließlich in den akademischen Bereich zurück, von 1925 bis 1932 nach Bonn, anschließend bis zu seinem Tod im Jahre 1950 nach Harvard - analysiert er, aber er gibt keine wirtschaftspolitischen Bekenntnisse oder Empfehlungen mehr ab.

Auch er kommt in seinen Analysen zu dem Schluß, daß die Gleichgewichtstheorie der klassischen Ökonomie den Blick auf die Realität des stärker zyklischen Verlaufs der... Lesen Sie weiter... ›
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 10. November 2009
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